Letzte Woche konnte ich wieder eine kleine Diskusssion verfolgen, die mich nachdenklich machte. Der Herr Schreiner von der SPD kam in Begleitung von Axel Troost von der Linken heftig diskutierend auf meinen Kiosk zu.
"...blamabel, wie sich ihre Partei an unseren Randgruppen bedient", hörte ich Schreiner mit empörter Stimme sagen.
Axel Troost, seines Zeichens Vorstandsmitglied der WASG, hielt dagegen: "Herr Schreiner, das ist das Natürlichste auf der Welt." Troost ist ja ein wesentlich gemütlicherer Mensch als Schreiner, schon allein vom Aussehen her. Darum sprach er auch mit ruhiger Stimme weiter: "Wenn sich eine Partei so weit von ihrer Basis entfernt wie die Ihre (die SPD, Anmerkung des Kioskbesitzers), dann wandert eben diese Basis zu einer Heimat, die sie besser..."
"Das ist doch Quatsch, und das wissen Sie auch." Ottmar Schreiner, zackig wie immer, ließ sich das seichte Geschwätz nicht lange bieten. Im Kasernenhofton fuhr er fort: "Sie wissen genau, dass die SPD schon immer auf der Seite des kleinen Mannes stand! Nur, weil wir jetzt auch die Mittelschicht bedienen müssen, sind für uns die Nicht-Besserverdienenden noch lange nicht uninteressant."
"Als Wahlvieh, ja, genau."
"Herr Troost, was sollen die Anspielungen? Das Wahlprogramm ihrer Partei ist so diffus, dass Sie wahrscheinlich noch nicht mal selber was damit anfangen können."
"Diffus?", fragte Troost, wobei er die Augenbrauen bis zum Haaransatz hochschob. "Sie wollen jetzt nur vom SPD-Wahlprogramm ablenken, das von gebrochenen Versprechen nur so strotzt, oder? Insgesamt sprechen nämlich die Mitgliederzahlen eine andere Sprache."
"Eine gewisse Umstrukturierung in der Partei ist eben irgendwann mal nötig geworden. Das war nicht mehr zu verhindern." Schreiner fuhr sich mit der Zeigefingerspitze über seinen akkurat gestutzten Bürstenschnauzer. "Aber dass die Mitglieder jetzt gleich alle davonlaufen, ist ja auch eher ein Verhalten wie bei den Lemuren."
"Lemmingen, meinen Sie wohl, Herr Abgeordneter, Lemminge." Troost war sichtlich zufrieden mit diesem kleinen Ausritt zu Brehms Tierleben.
Eine kleine Pause in der Diskussion nutzte ich für ein "Was kann ich für die Herren tun?".
"Ach so, ja, ähh..." sagte Schreiner, der offensichtlich immer noch an den Lemmingen kaute.
"Zwei Kaffee, bitte", warf Troost dazwischen. "Und noch was, Herr Schreiner. Wenn wir mit der Linken erst mal fusioniert haben, werden wir der SPD die Hölle heiß machen. Wir brauchen nämlich auf Lobbyisten und Wirtschaftsbelange und sonstige Befindlichkeiten keine Rücksicht zu nehmen. Wir vertreten den kleinen Mann. Wir tun das, was die SPD in den letzten zehn Jahren zunehmend versäumt hat. Sie werden sehen, das zieht den Wähler auf unsere Seite."
Schreiner war zunehmend nicht amüsiert. Ich kassierte noch schnell ab, bevor der Disput wieder losging. Schreiner holte Luft, aber Troost kam ihm zuvor. "Sie werden sehen, in ein paar Jahren lösen wir die SPD als zweitstärkste Partei ab."
Schreiner starrte Troost ungläubig an, um dann ein etwas gekünsteltes Lachen auszustoßen. "Ja, genau; das will ich sehen." Seine Stimme troff geradezu vor Sarkasmus.
Die beiden schnappten sich ihren Kaffee und gingen zu den Bistrotischen rüber. Andere Kunden verlangten meine Aufmerksamkeit, so daß ich mich aus dem Gespräch hier ausklinken musste. Hat die SPD ihre Identität verloren? Ich werde in nächster Zeit auf diesem Ohr etwas aufmerksamer zuhören.
Auf Wiedersehen.
Montag, 26. März 2007
Lemminge...
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