Letzten Freitag, kurz vor Schluss, kommt Karl Lauterbach bei mir vorbei. "Na, Herr Schrödinger, jetzt ist ja bald Feierabend. Dann gehts ab nach Hause, was?"
Jetzt muss man wissen, dass Herr Lauterbach der natürliche Feind der Kioskbetreiber ist. Hat er doch einen Bundesantrag zum Nichtraucherschutz eingebracht, in dem das Rauchen in der Öffentlichkeit komplett verboten werden soll. Dass das für mich als Zigarettenverkäufer einen Umsatzrückgang von über zehn Prozent zur Folge hätte, hat er wohl noch nicht bedacht.
Da mir nicht gleich eine Antwort auf seine offensichtlich überflüssige Frage einfiel (NATÜRLICH gehts ab nach Hause, wohin sonst?), nickte ich ihm nur zu, gab ich ihm die "FAZ", kassierte das Wechselgeld und wollte mich gerade dem nächsten Kunden zuwenden, als Herr Dr. Struck um die Ecke kam, im Mundwinkel die (kalte) Pfeife.
Herr Struck ist ja sozusagen der Gegenpol zu Herrn Lauterbach. Nach Struck ist Rauchen ein Grundrecht des Menschen, ein Genuss, eine Freiheit. Mit dieser Meinung ist er mir sehr sympathisch. Allerdings ist Lauterbach da natürlich anderer Meinung.
"Hallo, Herr Struck", grüße ich also aus meinem Kiosk raus, nur um Lauterbach ein wenig leiden zu sehen. Struck sieht kurz zu mir rüber, nimmt die Pfeife in die Rechte, winkt mir damit zu und verschwindet aus meinem Blickfeld.
Lauterbach brummt unwillig und sieht mich an. "Herr Schrödinger, wie stehen Sie eigentlich zum Rauchen?" fragt er mich unter seiner fransigen Ponyfrisur hervor.
"Na, wie werd ich dazu schon stehen? Ich verkaufe das Zeug ja schließlich."
"Ja, klar, aber rauchen Sie selbst?"
"Ich? Nee, das wär mir zu teuer." Meine Frau, die Gertrude, verpasst mir zwar manchmal eine Zigarre, aber das hat er wohl nicht gemeint.
"Wissen Sie eigentlich, dass die Tabakindustrie in den letzten acht Jahren den Nikotingehalt der Zigaretten um elf Prozent gesteigert hat, ohne die Raucher darauf aufmerksam zu machen?" Seine hochgezogenen Augenbrauen heischen nach meiner Überraschung, die ich ihm leider nicht bieten kann.
"Ja, ich lese auch den Spiegel. Ich krieg den ja quasi umsonst." Der Scherz kommt nicht bei Lauterbach an. Zumindest verzieht er keine Mine.
"Sind Sie nicht auch der Meinung, dass man Kinder oder schwangere Frauen vor den negativen Folgen des Rauchens schützen muss?"
Mann, wie ich solche suggestiven Fragen hasse. "Herr Lauterbach, was wollen Sie von mir? Ich bin nur ein kleiner Kioskbetreiber. Was kann ich schon ausrichten?"
"Ich habe hier einen Aufkleber. Damit leisten Sie schon einen Beitrag. Könnte ich den hier irgendwo an Ihrem Kiosk platzieren?"
Tja, überrumpelt, würde ich das nennen. "Klar, Herr Lauterbach. Kein Problem." Ich schau kurz auf den Aufkleber, roter Kreis mit ner durchgestrichenen Zigarette drin. Na ja, den kann ich ja später wieder runterkratzen.
Auf Wiedersehen
Montag, 22. Januar 2007
Der blaue Dunst
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