Dienstag, 30. Januar 2007

Keine Kohle

Jetzt ist es passiert: eine heilige Kuh wird geschlachtet. Gestern diskutierte Wirtschaftsminister Glos mit einem Mann mit Schnauzer, den ich nicht kannte, direkt vor meinem Kiosk bei einer Tasse Kaffee. Offensichtlich waren sie sich nicht ganz einig, was die Kohleförderung betrifft.

„Wir steigen 2018 aus. Das ist ein großer Erfolg!“ konstatierte Glos, sichtlich von seiner Sache begeistert.

„Erfolg nennen Sie das?“ höhnte der Schnauzer. „Jede Tonne Kohle, die wir heute fördern kostet einhundert Euro mehr als die Kohle, die wir aus dem Ausland importieren. Und diesen untragbaren Zustand noch bis 2018 zu halten, bezeichnen Sie als Erfolg?“

„Hören Sie, wenn die SPD nicht kompromissbereit gewesen wäre, ...“

„Ach was, Kompromiß, dass ich nicht lache! Und 2012 soll der Beschluss nochmal geprüft werden! Das ist ja wohl der größte Mist, den ich je gehört habe.“

„Und was ist Ihre Meinung zu diesem Thema? Was soll denn anderes gemacht werden? Sollen wir die Kumpel alle auf die Strasse setzen?“ Glos, wie immer streng gescheitelt, war der Unmut anzuhören.

„Selbst wenn, würde das die Arbeitslosenzahl noch nicht mal um 0,1 Prozent steigen lassen.“ Schnauzer begann jetzt, seine Arme als Argumentationshilfe einzusetzen. „Und das sind doch alles Fachkräfte! Die sind jederzeit wieder vermittelbar.“

„Aber die soziale Härte! Das geht nicht so einfach.“

„Das Geld, das dadurch gespart wird, könnte ja für Umschulung und Vorruhestand der Kumpel eingesetzt werden. Das würde schon weit vor 2018 Gelder locker machen.“

Glos hob abwehrend die Hände. „Davon abgesehen, brauchen wir die Steinkohle für unsere Energieversorgung. Der Mix ist wichtig. Was, wenn das Ausland uns plötzlich die Daumenschrauben ansetzt und uns nicht mehr beliefert?“ Jetzt war er in seinem Element.

„Ach ja? Welche aussenpolitische Fehlleistung, außer einem neuen Weltkrieg, sollte das denn bewirken, bitte schön? Kohle bekommen wir praktisch aus der ganzen Welt, für weniger als die Hälfte der Kosten, die wir hier im Inland verbraten.“

„Wir machen ja den Ausstieg. Was wollen Sie denn noch?“

„Klar, aber zu langsam, zu zögerlich, wie alles, was diese Regierung anpackt.“

„Nun aber mal langsam, alles auf einmal geht eben nicht.“

Offensichtlich waren sie mit ihrer Pause fertig, denn sie nahmen ihre Aktenkoffer und setzten sich Richtung Ausgang in Bewegung. Im Hinausgehen konnte ich noch „Gesundheitsreform, Eigenheimzulage, Nachtarbeit...“ verstehen, aber dann waren sie zu weit weg.

Wenn ich nur wüßte, wer der Schnauzer war. Ich werde ihn mal „Gesunder Menschenverstand“ nennen.

Auf Wiedersehen

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